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Allein reisen statt weiter warten

  • 24. Juli
  • 6 Min. Lesezeit


Wenn der Sommer schon halb vorbei ist und Du immer noch auf Begleitung hoffst


Der Sommer ist in vollem Gange. Überall erzählen Menschen mit Begeisterung von ihrem bevorstehenden Urlaub, in den sozialen Medien reiht sich ein Sonnenuntergang an den nächsten und die Tage werden schon wieder ein kleines bisschen kürzer. Eigentlich wolltest Du doch auch verreisen. Eigentlich. Doch dann taucht sie wieder auf, diese altbekannte Frage: Mit wem denn?


Die beste Freundin bekommt keinen Urlaub, der Partner hat keine Zeit, du bist sowieso solo, Freunde haben andere Pläne, die Familie ist verplant - irgendwie passt es einfach nie richtig zusammen. Und ehe man sich versieht, wird aus einem sehnsüchtigen Reiseziel ein weiterer Sommer zu Hause. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden – außer, dass da vielleicht dieses kleine Gefühl bleibt, etwas verpasst zu haben.

Vielleicht kennst Du diesen Gedanken: "Irgendwann mache ich das." Nur dieses "Irgendwann" lässt sich leider manchmal jahrelang nicht mehr blicken. Genau deshalb möchte ich heute eine Lanze für das Alleinreisen brechen. Nicht, weil jeder alleine verreisen muss, sondern weil viele Menschen viel mehr Lust darauf hätten, als sie sich selbst eingestehen. Denn manchmal ist nicht der fehlende Reisepartner das eigentliche Hindernis. Sondern die Frage, ob wir uns selbst zutrauen, loszugehen.


Vom Fernweh, das sich einfach nicht beruhigen lässt


Ich selbst stand im Laufe meines Lebens immer wieder vor genau dieser Entscheidung: Bleibe ich zu Hause, weil niemand mitkommt, oder fahre ich trotzdem los? Diese Phasen haben sich manchmal über Jahre gezogen. Mal fehlte ein Partner, mal hatten Freunde weder Zeit noch Geld. Doch ich wollte nicht auf andere warten. Warum sollte mein Leben Pause machen, nur weil der Kalender eines anderen Menschen gerade keinen Platz für meine Träume hat?


Also begann ich, alleine zu reisen. Spanien, Italien, die griechischen Inseln, die Seychellen, Hawaii, Tansania, die Karibik und viele weitere Orte kamen dazu. Nicht, weil ich besonders mutig gewesen wäre, sondern weil meine Sehnsucht nach der Welt größer war als meine Zweifel. Während andere Menschen Heimweh kennen, kenne ich eher das Gegenteil. Ich kenne Fernweh. Inzwischen bin ich sogar überzeugt, dass es neben Menschen mit Fernweh, oder Heimweh noch eine weitere Kategorie gibt: Menschen mit einem „ReiseGen“. Zu dieser Spezies gehöre ich eindeutig.

Sobald irgendwo ein Koffer herumsteht oder ich das Wort "Abflug" höre, beginnt innerlich schon das Abenteuer. Und die Planung ist dann meine liebste Freizeitbeschäftigung. Dabei zeigt sich schon deutlich welche Dinge einem wichtig sind: welche Orte, Aktivitäten oder Touren auf dem Zettel stehen.

Aber vielleicht geht es beim „Reisegen“ gar nicht nur darum, neue Länder zu entdecken. Vielleicht geht es auch um die Sehnsucht, sich selbst immer wieder neu kennenzulernen.


Eine Beobachtung auf Reisen: Wer traut sich wirklich alleine los?


Auf meinen Reisen ist mir etwas aufgefallen, das mich immer wieder schmunzeln lässt: Wenn ich Menschen sehe, die alleine unterwegs sind, sind es erstaunlich oft Frauen. Das ist natürlich nur meine persönliche Beobachtung und keine wissenschaftliche Statistik. Trotzdem finde ich das Phänomen spannend. Viele Frauen scheinen irgendwann diesen Punkt zu erreichen, an dem sie sagen: "Ich mache es jetzt einfach." Sie gehen los. Bei Männern beobachte ich es gefühlt seltener. Viele scheinen eher mit Partnerin oder Kumpels zu reisen. Woran das liegt? Eine spannende Frage, auf die ich selbst noch keine endgültige Antwort gefunden habe.


Allein reisen heißt nicht, allein zu sein


Viele Menschen verbinden das Wort "allein" automatisch mit Einsamkeit. Dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Allein zu reisen bedeutet zunächst einmal nur, dass niemand neben Dir sitzt und entscheidet, wann gefrühstückt wird, welches Museum unbedingt besucht werden muss oder ob heute lieber Strand oder Stadt angesagt ist. Es bedeutet, dass Du Deinen eigenen Rhythmus finden darfst und nicht ständig schauen musst, ob Deine Wünsche gerade auch zu denen der Mitreisenden passen.


Aber – und das gehört für mich ganz ehrlich dazu – Alleinreisen ist nicht für jeden die beste Wahl.


Wer es überhaupt nicht aushält, einmal nur mit sich selbst zu sein, wer Stille sofort mit Langeweile verwechselt oder ständig jemanden braucht, der die eigenen Gedanken übertönt, für den kann eine Solo-Reise durchaus herausfordernd sein. Denn auf Reisen kannst Du zwar den Alltag hinter Dir lassen, aber Dich selbst nimmst Du natürlich mit. Und genau darin liegt die eigentliche Chance. Plötzlich gibt es nur noch eine Person, mit der Du Kompromisse schließen musst. Und diese Person bist Du selbst.

Du merkst, dass Du Entscheidungen treffen kannst. Du stellst fest, dass Du Herausforderungen meisterst – auch wenn der Weg zum Hotel plötzlich länger ist als gedacht oder Du in einer fremden Stadt kurz die Orientierung verlierst. Und irgendwann entdeckst Du vielleicht etwas Überraschendes: Deine eigene Gesellschaft ist ziemlich toll!


Der beste und klügste Reiseleiter wohnt bereits in Dir


Aus meiner Arbeit als Heiler und Coach weiß ich, wie viele Menschen im Alltag den Kontakt zu ihrer eigenen inneren Stimme verlieren. Nicht, weil diese Stimme verschwunden wäre. Sie wird nur manchmal überlagert von Verpflichtungen, Erwartungen und der ständigen Frage: "Was ist richtig für alle anderen?"

Eine Reise alleine schafft Raum. Du wachst morgens auf und fragst Dich nicht: "Was möchten die anderen machen?" Sondern: "Wonach ist mir heute wirklich?" Vielleicht ist es ein kleiner Ausflug. Vielleicht ein unbekannter Weg. Vielleicht ein langer Spaziergang ohne Ziel. Diese kleinen Entscheidungen sind oft viel größer, als sie erscheinen. Denn jedes Mal, wenn Du Dir selbst vertraust, wächst Dein inneres Fundament ein Stück weiter.


Bitte kein Plastikarmband all inclusive


Wenn ich einen kleinen Reisetipp geben darf, dann diesen: Suche Dir lieber eine gemütliche Unterkunft, miete ein Auto und entdecke die Umgebung auf eigene Faust. Nicht, weil All-inclusive grundsätzlich schlecht wäre. Jeder Urlaub darf genau so aussehen, wie er Freude macht. Aber wer sich selbst begegnen möchte, braucht manchmal ein bisschen mehr Freiheit. Halte dort an, wo Dir der Ausblick den Atem raubt. Trink Deinen Kaffee in einem kleinen Café, das Du zufällig entdeckt hast. Bleib länger an einem Ort, weil er sich einfach gut anfühlt. Die schönsten Erinnerungen entstehen selten nach einem perfekten Plan.

 

Der Mutmuskel wächst nicht im Wohnzimmer


Nun höre ich oft den Satz: "Das würde ich mich niemals trauen." Meine Antwort darauf ist meistens: Niemand wird als Alleinreisender geboren. Mut funktioniert wie ein Muskel. Er wird stärker, wenn wir ihn benutzen. Die erste Reise muss deshalb nicht gleich ans andere Ende der Welt führen. Beginne mit einem Wochenende in einer Stadt in Deiner Nähe. Oder fahre ein paar Tage über die Grenze in ein Land, dessen Kultur Dir vertraut ist. Der erste Schritt zählt.

Dann passiert etwas Wunderbares: Aus "Ich traue mich nicht" wird: "Warum habe ich das eigentlich nicht schon früher gemacht? Ganz selbstverständlich vergrößerst Du Deinen Radius und die Welt mit ihren spannenden Zielen, die Du selbst auswählen und gestalten kannst, liegt Dir zu Füßen.


Der zweite Stuhl ist manchmal völlig überbewertet


Eine der ersten Herausforderungen beim Alleinreisen ist für viele der Moment am Abend: Du sitzt in einem Restaurant, vor Dir steht ein leckeres Essen und irgendwo im Hinterkopf läuft noch dieses kleine Kopfkino: "Oh je, sehen jetzt alle, dass ich alleine hier sitze?"

Die beruhigende Nachricht: Nein. Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Und manchmal passiert sogar etwas ziemlich Amüsantes. Du schaust Dich um und entdeckst an Nebentischen Paare, die zwar gemeinsam gekommen sind, aber offenbar gerade jeder für sich alleine unterwegs ist. Kein Wort fällt, einer schaut aufs Handy und die große Unterhaltung findet vielleicht gerade nur noch mit dem Display statt. Der Unterschied zwischen Dir und manchen Paaren besteht manchmal lediglich darin, dass bei ihnen ein zweiter Stuhl besetzt ist. Mein Gedanke war dann immer: lieber alleine reisen und essen als mit einer unmovitierten Begleitung gestraft zu sein.


Die Welt begegnet Dir anders, wenn Du alleine unterwegs bist


Alleine nimmt man die Welt intensiver wahr. Man kommt leichter mit Menschen ins Gespräch. Man entdeckt kleine Orte, die man sonst vielleicht übersehen hätte. Man nimmt Geräusche, Gerüche und Begegnungen bewusster wahr. Ein Gespräch mit einem Einheimischen. Ein Sonnenuntergang, bei dem Du spontan länger bleibst. Ein kleiner Moment, der in keinem Reiseführer steht. Plötzlich wird aus einer Reise mehr als nur ein Ortswechsel. Sie wird zu einer Begegnung mit dem Leben. Und ganz nebenbei auch mit Dir selbst.


Mein Fazit: Warte nicht darauf, dass jemand Deine Lust auf Reisen freischaltet


Natürlich ist es wunderschön, besondere Orte mit einem Menschen zu teilen, den man liebt. Aber das eigene Leben auf später zu verschieben, nur weil gerade niemand Zeit hat, bedeutet manchmal, die eigenen Wünsche zu lange warten zu lassen.

Vielleicht kommt irgendwann der passende Reisepartner. Vielleicht auch nicht. Aber eines habe ich auf meinen Reisen gelernt: Die Sehnsuchtsorte dieser Welt warten nicht unbedingt darauf, bis dein Kalender wieder Platz hat, alle Rahmenbedingungen stimmen und endlich jemand sagt: "Komm, ich fahre mit."

Manchmal braucht es einfach diesen kleinen Moment, in dem man aufhört, alles zu zerdenken, und der eigenen Sehnsucht ein bisschen mehr Raum gibt. Denn wenn ein Ort immer wieder in Gedanken auftaucht, wenn Bilder davon ein Lächeln ins Gesicht zaubern und dieses leise Gefühl sagt: "Da möchte ich hin" – dann lohnt es sich vielleicht, genauer hinzuhören.


Also vielleicht nicht erst auf den perfekten Moment warten, sondern irgendwann einfach den ersten Schritt machen. Den Koffer packen, das Ticket buchen und losgehen.

Denn eines kann ich Dir versprechen: Wenn Du zurückkommst, wirst Du nicht nur schöne Bilder im Gepäck haben, sondern Du wirst auch „bolle“ stolz auf Dich sein und viel zu erzählen haben.

 
 
 

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